Nach dem kräftezehrenden 2:1-Sieg in Lissabon muss Borussia Dortmund am Samstag gegen den FC Ingolstadt ran. Nachdem man in der Champions-League einen wichtigen Grundstein zum Erreichen des Achtelfinales gelegt hat, steht man in der Bundesliga nur auf Platz 5. Es gilt also nach 2 Bundesligaspielen ohne Sieg wieder Boden auf die Konkurrenz gut zu machen.

Dafür wäre es natürlich sehr hilfreich, wenn das größte Lazarett der Liga sich etwas lichten würde. Ein Lichtblick war beim Champions-League-Spiel gegen Sporting Lissabon die Rückkehr von „Papa“ Sokratis und Marc Bartra. Adrian Ramos und Gonzalo Castro konnten anschließend ebenfalls wieder trainieren und dürften aller Voraussicht nach für das Spiel in Ingolstadt zur Verfügung stehen. Auch bei Marco Reus bahnt sich eine Rückkehr in absehbarer Zeit an, da er seit Mai zum ersten Mal beschwerdefrei am öffentlichen Mannschaftstraining teilnehmen konnte. Wann er aber für ein Pflichtspiel wieder einsatzbereit ist, steht noch in den Sternen. „Ich hänge Marco kein Schild mit einem Datum um. (…) Marco kriegt alle Zeit der Welt und hat gestern sehr gut trainiert, als wäre er nie weg gewesen.“

  

Es stellte sich auch zwangsläufig die Frage nach dem Grund für die vielen Verletzungen, speziell im Adduktorenbereich vieler Spieler. Es gibt Meinungen und Kritiken, wonach Thomas Tuchel nicht richtig trainieren, bzw. die Muskeln der Spieler zu sehr belasten und überstrapazieren würde. „Wenn wir den einen Grund wüssten, dann würden wir es sofort ändern. Aber jede Verletzung hat ihre eigene Geschichte und muss individuell betrachtet werden“, antwortete Dortmunds Cheftrainer, räumt aber ein, dass „die Häufigkeit und auch Ähnlichkeit der Verletzungen fürchterlich ist, weil du einfach ins Zweifeln gerätst über Dinge, von denen Du total überzeugt bist und bei denen sich die Mannschaft wohl fühlt.“ 

 


Bericht und Kommentar zur aktuellen Foul-Debatte (von Bijan Yaghoubi) :

Es war am 1. Oktober 2016 als der sonst sehr diplomatisch auftretende BVB-Cheftrainer Thomas Tuchel unmittelbar nach der 0:2-Niederlage in Leverkusen seinem Unmut ein wenig Luft machte. „Ich habe es mir extra aufgeschrieben, wir haben wieder mal 21 Fouls gegen uns; wir hatten gegen Mainz 20 Fouls gegen uns und gegen Freiburg 27 Fouls gegen uns ! (…) Da liegen schon ein paar Gründe drin, was man uns entgegenstellt, was man den vielen Dribblern entgegenstellt. Da sind auch irgendwann Grenzen überschritten ! Da werden Mittel angewendet, die in der Häufigkeit dazu führen müssen, dass Du nicht komplett zu Ende spielst.“

Thomas Tuchel beklagt sich über zuviele Foulspiels einiger Gegner

Seine Kritik löste bei der anschließenden Pressekonferenz einen kleinen Disput zwischen den Trainern aus. Nachdem Roger Schmidt die Meinung vertrat von beiden Seiten ein faires Spiel gesehen zu haben, entgegnete ihm Thomas Tuchel: „Faires Spiel sagte der Trainer mit 21 Fouls zum Trainer mit den 7 Fouls !“ und lächelte dabei etwas hämisch. Er beschwerte sich darüber, dass man in der laufenden Saison schon zum 3. Mal über 20 Fouls gegen sich hinnehmen und man nach einem Foul Gonzalo Castro verletzungsbedingt auswechseln musste. Ebenso habe er mit nur 35% Ballbesitz keine Dominanz des Gegners erkennen können. „Es könnte natürlich auch so sein, dass Dortmund sehr gut darin ist, Fouls zu ziehen !“ entgegnete ihm darauf Roger Schmidt. „Das machen sie sehr clever ! Ballbesitz heißt nicht gleich Dominanz. Das hat man heute sehr gut gesehen.“

Thomas Tuchel hat – ob er es nun wollte oder nicht – mit seinen Äußerungen nach dem Spiel in Leverkusen eine große Lawine an Debatten ausgelöst, bei der er selbst immer mehr vom Ankläger zum Angeklagten wurde. In den sozialen Netzwerken bezeichnete man Dortmunds Cheftrainer unter anderem als einen „schlechter Verlierer“, „Weichei“, „Jammerlappen“ etc. Fußball sei schließlich eine Sportart, bei der Körperkontakte dazu gehört, bei dem es auch schon mal zur Sache ginge. Man sei ja schließlich nicht beim Ballett.

Auch im Sport1-Doppelpass wurde ausführlich über dieses Thema gesprochen. Man zeigte zwar ein wenig Verständnis für die Reaktion von Borussias Cheftrainer, aber widersprach man ihm inhaltlich dennoch weitestgehend: „Ich finde, dass Härte ein legitimes Mittel ist, gerade gegen eine Mannschaft wie Dortmund, in der es viele Einzelkönner bzw. Individualisten gibt, die das Dribbling suchen. Inhaltlich bin ich nicht bei Tuchel, verstehe aber auch, dass ein Trainer die Absicht hat, seine Spieler kraftvoll zu schützen“, sagte dazu Patrick Wasserziehr von Sky. „Da ist ein spielerischer Fußball, wie Dortmund (ihn praktiziert) und da ist ein aggressiver Stil, wie Leverkusen (ihn praktiziert) und da nervt es Dich als Trainer, wenn die (jeweiligen Gegner, Anmerkung der Redaktion) sich mit etwas anderem durchsetzen. (…) Wenn ich mit meinen Mitteln nicht erfolgreich sein kann, dann muss ich andere einsetzen“, meinte dazu Markus Kauczinski, Trainer des FC Ingolstadt und kritisierte damit indirekt ein wenig mangelnde Flexibilität im Spielstil von Borussia Dortmund. „Es war einfach der Frust an diesem Abend (nach der Niederlage gegen Leverkusen, Anmerkung der Redaktion) nach wochenlangem Hoch – die haben ja phantastisch gespielt – taktisch so versagt zu haben, dass Leverkusen ihnen komplett den Schneid abgekauft hat.“ resümierte Markus Höhner, Reporter bei Sport1. „Ich würde mir als Trainer von Borussia Dortmund, der ich ja glücklicherweise nicht bin, mal überlegen, ob es nicht mit meiner eigenen Spielweise zu tun hat. Ich habe hervorragende Fußballer in den vordersten Reihen: Dembele, der gerne das 1 gegen 1 sucht, der gerne ins Dribbling geht, Mor, ein überragender Fußballer, der in seinem Dribbelverhalten teilweise mit Messi verglichen wird. Dass Spieler, die sehr viel Dribbeln und das 1 gegen 1 suchen, auch mal gefoult werden – allerdings nicht brutal – ist völlig normal !“ war dazu die Meinung von Peter Neururer, ehemaliger Trainer des VfL Bochum. Insgesamt vertrat man auch die Meinung, dass die Partie Bayer 04 Leverkusen gegen Borussia Dortmund zwar sehr intensiv geführt wurde, aber keineswegs überhart war.

Thomas Tuchel erntet in der Öffentlichkeit viel Kritik

Thomas Tuchels Kritik stieß also in der allgemeinen Fußballwelt weitestgehend auf taube Ohren und entwickelte sich somit immer mehr zum Bumerang, was dazu führte, dass Dortmunds Cheftrainer ein wenig zurückruderte. Das Letzte, das man bei der personell extrem arg angeschlagenen Borussia gebrauchen kann, ist eine Unruhe, die von außen in die Mannschaft hinein getragen wird. Thomas Tuchel betonte bei einer der anschließenden Pressekonferenzen, dass er lediglich den Statistikzettel laut vorgelesen habe, der nach jedem Spiel verteilt wird. Dabei habe er lediglich seine persönliche Meinung vertreten, dass mehr als 20 Fouls von einer Mannschaft pro Spiel zu viel seien. Ebenso betonte er, dass es „nicht den einen Grund“ für die vielen Verletzungen seiner Spieler gäbe. Die Verletzungen hätten allesamt individuelle Ursachen.

Diese Diskussion, so denke ich, ist sicherlich schon so alt wie der Fußball selbst. Vor vielen Jahren – so erinnere ich mich – gab es in der Öffentlichkeit viele Beschwerden über grobe Fouls und zu vielen Verletzten. Das führte wiederum zu großen Diskussionen darüber, wie man Fußballspieler besser schützen könne, was man tun könne, dass diese Sportart fairer ausgetragen werde. Es wurden empfindlichere Strafen gegen Spieler gefordert, die bewusst Foulspielen und somit automatisch die Gesundheit der Gegenspieler gefährden. Schiedsrichter wurden dazu aufgefordert strengere Strafen gegen Fouls zu verhängen, auch mal öfter die gelbe oder gar rote Karte zu zeigen.

Taktische, grobe und offensichtliche Fouls wurden dann mit der gelben Karte geahndet. Böse Fouls, die die Gesundheit der Gegenspieler gefährdeten, wie z.B. das Hineingrätschen mit gestrecktem Bein in den Gegner, wurden mit einem direkten Platzverweis geahndet. Ein weiteres Resultat war unter anderem die sehr zweifelshafte Regel der „Notbremse“. Diese Regel besagte, dass der Foulende, sollte er der letzte Spieler seiner Mannschaft vor dem eigenen Tor sein, mit einer glatten roten Karte vom Feld geschickt werden musste. Man sprach in diesem Zusammenhang von der sogenannten „Doppelbestrafung“, da diese neben dem Platzverweis auch meistens einen Strafstoß zur Folge hatte.

Nichtsdestotrotz sollte man doch klar zwischen kleineren Vergehen, die im Eifer des Gefechts, im Kampf um den Ball immer wieder vorkommen, und schweren Vergehen unterscheiden. Dass die Grenzen hier fließend sind und man bei verschiedenen Situationen unterschiedlicher Meinung sein kann, ist normal und gehört zum Fußball dazu. Die Schiedsrichter des DFB machen ihre Arbeit auch weitestgehend sehr ordentlich, beweisen sie doch immer wieder das nötige Fingerspitzengefühl für die Bewertung einzelner Situationen. Dass das nicht immer leicht ist, ist uns auch allen klar.

Dass die Debatte, die Thomas Tuchel ins Leben gerufen hat, jedoch sehr aktuell ist, beweist das Foul an Schalkes Spieler Breel Embolo. Der Schweizer fällt nach einem bösen Foul von Augsburgs Konstantinos Stafylidis für mehrere Monate aus, im schlimmsten Fall ist die Fußballerkarriere des gerade mal 19-Jährigen beendet.

Thomas Tuchel hat mit der Debatte, die er ausgelöst hat, also meiner Meinung nach Recht. Sicherlich war nach der 2:0-Niederlage in Leverkusen auch viel Frust mit dabei, das bleibt nicht aus, aber grundsätzlich hat er Recht. Der Gefoulte, wie z.B. Breel Embolo, muss monatelang leiden, eventuell seine Karriere an den Nagel hängen, während der Foulende gerade mal für ein paar Spiele gesperrt wird. Ein Schelm, wer in diesem millionenschweren Geschäft auf komische Berechnungen bzw. Ideen käme ! Meiner Meinung nach müsste in so einem Fall der Foulende so lange gesperrt sein, bis der Gefoulte wieder an einem Pflichtspiel teilgenommen hat.

Auch eine hohe Anzahl an kleinen Fouls kann nicht nur nervig sein, sondern – und auch da bin ich bei Thomas Tuchel – das Spiel einer spielerisch überlegenen Mannschaft zerstören. Dieses Mittel mag vielleicht von Trainern vermeintlich unterlegenen Mannschaften propagiert werden, lieber Patrick Wasserziehr von Sky, aber legitim ist es deswegen noch lange nicht !!

               

Die Aufgabe der Schiedsrichter ist, für Fairness zu sorgen. Und sollte eine Mannschaft sich durch eine „harte Gangart“ profilieren wollen, so ist es Aufgabe der Schiedsrichter dieses zu unterbinden. Wenn also eine Mannschaft in einem Spiel über 20 Fouls begeht, dann müssen zwangläufig mehrere Spieler auch mehrere Fouls begangen haben. Wenn also ein Spieler ein 2. Foul begeht, wird er für gewöhnlich mündlich verwarnt. Beim 3. Foul sieht er für gewöhnlich spätestens die gelbe Karte, beim 4. Foul fliegt er mit gelb-rot vom Platz ! Und das ist auch bei vermeintlichen Nickligkeiten der Fall ! Das Argument, dass eine vermeintlich unterlegende Mannschaft gegen gute und zweikampfstarke Gegenspieler sich schließlich mit einer harten Gangart und Foulspiels durchsetzen muss, teile ich ausdrücklich nicht. Eine enge Zweikampfführung gehört im Fußball dazu. Aber unfaire Mittel – und das ist ein Foulspiel nun mal, sonst wäre es ja kein Foulspiel – dürfen nicht zur Normalität werden und schon gar nicht durch eine derartig öffentliche Diskussion, die im Sport1-Doppelpass geführt wurde, salonfähig gemacht werden !